leah blogs

May 2007

26may2007 · Verweigerung

Endlich (nach über zwei Monaten) ist mein Kriegsdienstverweigerungsantrag durch, und ich darf somit den Dienst an der Waffe verweigern.

Da meine Verweigerung anders als die vielen anderen, die man so im Netz findet, nicht mit religiösen Gründen oder der Erziehung wegen argumentiert, könnte sie auch anderen Verweigerern nützlich sein. Hier daher der Volltext.

Beweggründe für meine Kriegsdienstverweigerung

Ein Krieg ist ein Waffenkonflikt, der unter Einsatz erheblicher Mittel ausgeführt wird.

Unter Ausübung von Gewalt wird also versucht, einen Konflikt zu bewältigen, oder eigentlich, wie Clausewitz schreibt: “den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen”.

Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass Gewalt aber nie eine Lösung ist, sondern stets Gegengewalt erzeugt: an Konfliktbekämpfung ist daher nicht zu denken. Es ist jedoch meine feste Überzeugung, dass es für jeden Konflikt eine friedliche und dauerhafte Lösung gibt.

Die Anwendung von Gewalt als versuchtes Mittel zur Konfliktbewältigung ist jedoch gegen die Natur des Menschen, oder genauer: gegen die menschliche Natur. Unsere Menschlichkeit erlaubt es uns, Konflikte auf friedlichem Wege zu lösen, ohne zu töten und zu zerstören.

In der Geschichte gibt es genug Beispiele dafür, dass eine friedliche Lösung von Konflikten möglich ist, als Beispiel seien hier Mahatma Ghandi und Martin Luther King genannt.

Ein weit größeres Problem als die Sinnlosigkeit eines Krieges ist jedoch das Leid und die Grausamkeit für die betroffenen Menschen: Sowohl die Zivilbevölkerung als auch die Soldaten, die ja trotzdem Menschen sind, werden oft schwer verwundet und tragen physische und auch große psychische Schäden davon.

Nicht nur durch meine Erziehung, sondern auch durch die reine Vernunft ist es mir daher unmöglich Kriegsdienst zu leisten. Dieser schließt nämlich nicht nur den Dienst an der Waffe ein, deren Zweck es ja ist, den Gegner durch letale Gewalt zu kontrollieren, sondern beinhaltet sämtliche andere Tätigkeiten, deren Sinn in der Planung, Vorbereitung und Durchführung von Waffengewalt endet.

Selbstverständlich bin ich nicht der erste, der zu diesem Schluss kommt. So fordert Kant, der wohl wichtigste deutsche Philosoph, in seiner Schrift “Zum ewigen Frieden” von 1795: “Stehende Heere (miles pepetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören, “[d]enn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen”. Auch wenn die Bundeswehr nur als Verteidigungsarmee gedacht ist, so hat sie doch ein stehendes Heer, und kann daher stets Krieg führen. Wieviel Leid wäre der deutschen und der Weltgeschichte erspart worden, hätte man auf Kant gehört.

Kant erkennt weiterhin, dass Frieden kein Naturzustand ist, sondern gestiftet werden muss, und dabei stimme ich gänzlich zu. Die Kraft und Vernunft der Menschen sollte daher dazu verwendet werden, Frieden zu stiften, und nicht etwa Kriege zu führen. So will auch ich meine Kraft zum Wohl der Bevölkerung und nicht des Krieges verwenden und Zivildienst leisten.

Kein Mensch will sich erschießen lassen, will gefoltert werden oder für einen nichtigen Zweck wie Landesgrenzen sterben. Selbst wenn mein eigenes Leben auf dem Spiel stünde, würde ich aber auch nicht schießen, foltern oder töten können; nicht aus eigener Überzeugung, und schon gar nicht auf Befehl.

Befehl und Gehorsam, wie sie im Kriegsdienst an der Ordnung sind, stehen dort über der Vernunft: Der Soldat hat zu befolgen, was ihm befohlen wurde. Diese Aufgabe der Vernunft, und der damit einhergehende Verlust der Selbstkontrolle, kann grausamste Folgen annehmen, die angesichts der deutschen Geschichte keiner weiteren Erläuterung bedürfen. Als aufgeklärter Mensch ist es für mich unvorstellbar, durch Zwang zum Gehorsam zu einem gedankenlosen Ausführungsorgan reduziert zu werden.

Ich habe mich ernsthaft mit der Vorstellung, auf Befehl Menschen töten zu müssen, auseinandergesetzt und stellte fest, dass allein schon die Vorstellung davon weder mit meinem Gewissen noch mit meinem Weltbild vereinbar ist.

Ich bin daher felsenfest überzeugt, auf keinen Fall zum Teil dieser Kriegsmaschinerie werden zu wollen, und anderen Menschen, seien es sogenannte “feindliche” Soldaten oder auch der Zivilbevölkerung, Leid jeglicher Art anzutun, auf sie zu schießen, sie zu verletzen oder gar zu töten.

Der Bundeswehr oder irgendeiner anderen Streitkraft zu dienen würde meine Wertvorstellungen massiv untergraben.

Um meiner Überzeugung zu folgen und mich aktiv dafür einzusetzen, sehe ich den Zivildienst als eine gute Möglichkeit an, meine Pflicht als deutscher Bürger gegenüber Staat und Gesellschaft zu erfüllen. Ich habe mich bereits nach Zivildienststellen erkundigt und mich schon bei mehreren beworben. Ich will die mir vom Staat gegebene Chance nutzen, um Erfahrungen zu sammeln, die mir auf meinem weiteren Lebensweg bestimmt nützlich sein werden.

Daher bitte Sie hiermit darum, meine Kriegsdienstverweigerung nach Artikel 4, Absatz 3, Satz 1 des Grundgesetzes anzuerkennen.

Für mich hat’s geklappt, aber alles natürlich ohne Gewähr.

Viel Erfolg.

NP: Bob Dylan—Masters Of War

Copyright © 2004–2018