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October 2005

10oct2005 · Paradoxien des darwinistischen Kapitalismus

Eigentlich scheint es alles ja ganz einfach: In meiner Heimatstadt Biberach gab es zwei Kinos, beide hatten drei Säle und durch Listen wurde garantiert, dass beide Kinos stets verschiedene Filme zeigten.

Beide Kinos hatten eine lange Vergangenheit, das eine Kino, “Filmtheater” genannt (für diesen tollen Namen würde vor langer Zeit übrigens mal ein Wettbewerb ausgeschrieben…) war immer etwas günstiger, vorallem für Schüler. Das andere, das “Ringtheater”, war etwas teurer und hatte nur einen großen Saal, die anderen waren ziemlich klein. Der Betreiber hat allerdings zwei weitere Kinos in der näheren Gegend.

Da die Filme jedoch fair verteilt wurden, wurden beide Kinos wohl gleich stark frequentiert. Um das in drastischen, kapitalistischen Worten auszudrücken: Stillstand. Unentschieden.

Ergo beschloß der Betreiber des Filmtheaters, eine riesige Summe (man redet von vier Millionen Euro) aufzuwenden und das Kino total auszubauen. Dazu musste es allerdings für ein halbes Jahr schließen. In dieser Zeit hatte das Ringtheater praktisch das Film-Monopol in Biberach, und machte wohl ungeahnten Umsatz.

Das Filmtheater ist inzwischen wieder geöffnet, heisst nun allerdings “Sternenpalast” und ist mit acht Kinosälen das größte Kino Oberschwabens – laut eigenen Angaben. Es bietet sehr bequeme Sitze, riesige Leinwände und modernste Soundtechnik.

Desweiteren hat es attraktive Preise; montags zahlen alle den Einheitspreis von 4,50€, donnerstags ebenso, wenn man weiblich ist. Interessanterweise war der Sternenpalast nach der Eröffnung immernoch billiger als das Ringtheater davor.

Da der neue Sternenpalast nun ja auch über acht Säle verfügt, ist es ihm möglich, sämtliche Filme zu zeigen, die momentan im Vertrieb sind.

Nach etwa zwei Wochen senkte das Ringtheater die Preise so, dass sie bis auf Montag und Donnerstag günstiger als der Sternenpalast sind.

Das war wohl vor einem Vierteljahr.

Letzte Woche hat das Ringtheater dicht gemacht.

Darwinistisch gesehen ist das klar; wer würde denn nicht in ein tolles, günstiges Kino gehen, in dem ein interessanter Film kommt, wenn es sonst nur in ein altes, relativ teures Kino mit beschränktem Angebot gibt? Keiner natürlich.

Was aber auch nur die wenigsten bedenken ist, dass nun, da das Ringtheater geschlossen hat, der Sternenpalast beliebig die Preise erhöhen kann, da ja in 20 Kilometer Umkreis keine Konkurrenz zu finden ist.

Was tut der Kapitalist? Besser: Was hätte er tun können?

Ist es kapitalistisch korrekt, ein schlechtes Angebot anzunehmen, um ein gutes zu erhalten? Ist das mit Darwinismus vereinbar? Sind Kapitalismus und Darwinismus überhaupt vereinbar? Wie sähe die Welt wohl aus, wenn Tiere aufeinander Rücksicht nähmen, um sich “besser” fortzupflanzen statt auszulöschen? Was ist “besser” überhaupt?

Ich fragte einen Freund, was der sorgende Kinobesucher denn tun kann wenn der Sternenpalast die Preise erhöht; er meinte, “Dann fahren wir eben nach Ulm”. Deutscher Fatalismus.

Glücklicherweise ist das ganze Equipment des Ringtheaters noch da, der Betreiber kann wohl auch von den Einnahmen aus seinen beiden anderen Kinos leben… und man müsste darauf hoffen, dass er sein Totkapital nicht aktiviert.

NP: Antony and the Johnsons—You Are My Sister

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